Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 130
 

Unterlehrer Arno - Teil 1

Vor einiger Zeit erwarb ich eine Postkartenansicht von Oberkochen aus der Zeit um 1920. Dem Druckvermerk auf der Karte ist zu entnehmen, daß die Karte, Orig. H. Sting, Tübingen, 60806, im Verlag Fr. Fleury, Oberkochen, erschienen ist. Es dürfte sich um eine im Lichtdruckverfahren reproduzierte fotografische Ansicht handeln, - die Druckfarbe ist verblaut.

Wir sehen von der Rodhalde über Neubauten im Kapellenweg (dem Weg, der zur 1950 abgebrochenen Wiesenkapelle führte, - heutiges Gelände der Fa. Beier) und auf den katholischen Friedhof entlang der Bahnlinie über den Ort Richtung Heide.

Die Postkarte ist 1920 in Oberkochen abgestempelt, an einen Hauptlehrer Arno in Bodnegg im Oberamt Ravensburg gerichtet und von dessen Sohn Bernhard verfaßt und unterschrieben.

Herr Rektor Staudenmaier von der Dreißentalschule konnte den Schulakten entnehmen, daß Bernhard Arno im Jahre 1920 als »Unterlehrer« in den Schulannalen geführt ist. Leider gibt es bis jetzt keine weiteren Informationen, als die, die dem Postkartentext selbst zu entnehmen sind.

Der Text ist in einer äußerst klein und zierlich ausgeführten deutschen Schrift geschrieben mit so viel Text auf einer Postkartenhälfte, wie andere kaum in einem einseitigen Brief unterbringen. Offenbar antwortet Unterlehrer Arno, erst kurze Zeit in Oberkochen, auf einen ziemlich fürsorglichen und neugierigen Brief seiner Eltern, namentlich seiner Mutter. Der Text ist Ausdruck einer Zeit wesentlich stärkerer familiärer Gebundenheit als dies heute von gleichaltrigen erwachsenen Kindern nachvollziehbar ist. Deshalb möchten wir dieses Dokument veröffentlichen und bitten darüberhinaus, daß uns Mitteilung gemacht wird, falls jemand irgendetwas über Unterlehrer Arno weiß oder feststellen kann.

Der Text:
Meine Lieben!
Die Karte von Mama erhalten. Herzl. Dank. Die beiden Teppiche mit dem Glas kamen mit der Matratze hier an. Alles war noch gut verpackt, sämtliche Schnüre waren noch ganz. Was Besuche anbelangt, mache ich es so, wie Mama wünscht. Alle Sonntage singe ich mit dem Kirchenchor. Das Fronleichnamsfest war hier nicht so schön wie in Bodnegg. Bei der Prozession war ich. Im Harmonium- und Orgelspiel übe ich mich selbst jeden Tag. So, jetzt habe ich alles beantwortet. Die Vorderansicht der Karte ist nur ein Teil von Oberkochen. Das Schulhaus ist nicht darauf, es liegt weiter links. Am Montag beginnt bei uns die Schule wieder. Ein Namenstagsgeschenk für Mama habe ich jetzt, aber ich bringe es erst in der nächsten Vakanz.

Es grüßt Euch
Euer dankbarer Sohn Bernhard

Da Unterlehrer Arno erwähnt, daß die Schule nicht auf der Postkarte, sondern weiter links liegt, konnte mit Sicherheit davon ausgegangen werden, daß er katholisch ist, weil er an der katholischen Volksschule (heute Dreißentalschule) unterrichtete, was von Herrn Staudenmaier bestätigt werden konnte. Möglicherweise hat Unterlehrer Arno auch eine Rolle bei der katholischen Kirchenmusik gespielt, - zumindest könnte er Organist gewesen sein. Auf alle Fälle jedoch hat er im katholischen Kirchenchor mitgesungen. Vielleicht ist er in den dortigen Protokollbüchern »gespeichert«.

Dietrich Bantel

 
 
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