Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 128
 

Noch ein »vergessener« Ehrenbürger - Pfarrer Emil Bucher
(1.2.1870 - 16.9.1949)

Als wir im Amtsblatt vom 23.10.1987 über den »vergessenen« Oberkochener Ehrenbürger Pfarrer Breitenbach (1819 - 1900) berichteten, - wir hatten damals einen Tip aus der Bürgerschaft erhalten, - erhielt ich gleich 2 Hinweise darauf, daß es möglicherweise noch einen weiteren vergessenen Oberkochener Ehrenbürger gibt. Der Name »Pfarrer Bucher« fiel. Doch dauerte es geraume Zeit, bis ich Mitte Januar dieses Jahres einen ganz präzisen Hinweis auf die Richtigkeit der Vermutungen erhielt, und zwar von Frau Barbara Hopp vom katholischen Pfarramt Oberkochen.

In ihrem Schreiben vom 13.1.1990 schreibt Frau Hopp:
»Mit großem Interesse las ich im Oktober 1987 Ihren Artikel im Amtsblatt »Bürger und Gemeinde« über »Oberkochens vergessenen Ehrenbürger Pfr. Franz Breitenbach«. Damals hatte ich auch gerade die »Kleine Chronik des Pfarrorts Oberkochen« gelesen und entdeckte in ihr unter dem 4. Oktober 1909 folgende Angaben:

»Pfarrer Emil Bucher, der Erbauer unserer Kirche, muß leider in den Ruhestand treten. Er wird von dem bürgerlichen Kollegium zum Ehrenbürger ernannt«.

Sollte Pfr. Bucher auch ein vergessener Ehrenbürger Oberkochens sein?

Durch diese exakte Datierung war es leicht möglich, in den Gemeinderatsprotokollen dieser Zeit nach entsprechenden Einträgen zu suchen. Mit Hilfe der freundlichen Unterstützung durch Frau Barbara Czerner waren die Protokolle schnell gefunden. Es handelt sich um die Gemeinderatsprotokolle vom 11.9.1909 und vom 25.9.1909.

Das Protokoll können Sie hier aufrufen.

Am 11.9.1909 (von 9 Gemeinderäten waren 8 anwesend) heißt es unter § 322:
»Vom Vorsitzenden wird das Abschieds- und Danksagungsschreiben des Pfarrer Bucher von hier anläßlich seiner Pensionierung verlesen und beschlossen:

Dem Pfarrer Bucher von hier für seine so vielen geleisteten Dienste das Ehrenbürgerrecht der hiesigen Gemeinde zu erteilen.

Zur Beurkundung:
Gemeinderat
Frank (Bgm.
Gold
Leitz
Schellmann
Wingert
Balle
Weber
Nagel

In einem weiteren Protokoll vom 25.9.1909 ist nachzulesen (§ 325)
(An dieser Sitzung nahm auch der Bürgerausschuss mit Stimme teil):

»Der Vorsitzende bringt das Abschieds- und Danksagungsschreiben von Herrn Pfarrer Bucher v. hier, z. Zt. in Neutann, zur Verlesung. Nach Kenntnisnahme wird einstimmig beschlossen:

  1. Zum Zeichen unserer Dankbarkeit für die verdienstvolle und segensreiche Tätigkeit, dem Herrn Pfarrer Bucher das Ehrenbürgerrecht der hiesigen Gemeinde zu übertragen.
  2. Durch Oberreallehrer Zeller in Aalen ein Diplom anfertigen zu lassen.
  3. Die Überreichung des Diploms durch den Ortsvorsteher besorgen und das Nötige einleiten zu lassen.«

Zwei von Herrn Schrenk entdeckte diesbezügliche Pressenotizen in der Kocherzeitung lauten:
15.11.1909: Oberkochen. (Aus einem Bericht der Arbeiterverein-Versammlung) ... »Weiter berichtete der H. Präses, daß die Ehrenbürgerrechtsurkunde (die heute auf dem Rathause besichtigt werden konnte, sehr kunstvoll von Herrn Oberreallehrer Zeller/Aalen gefertigt am nächsten Donnerstag an H. H. Pfarrer Bucher überreicht werde. (Donnerstag, 18.11.1909. Dieser Termin ist offenbar in den Herbst des Jahres 1910 verlegt worden.) Die bürgerlichen Kollegien hatten unserem früheren, jetzt im Ruhestand in Gmünd weilenden Pfarrer Bucher, der sich um unsere schöne Kirche und um die Gemeinde große Verdienste erworben hatte, als Anerkennung das Ehrenbürgerrecht verliehen. . .«

Am 4.10.1910 berichtet die Kocherzeitung:
»Oberkochen. Vor einiger Zeit wurde Herrn Pfarrer Emil Bucher von hier der Eintritt in den Ruhestand gewährt. Das Hauptwerk, das er schon als Verweser der Pfarrei zustande gebracht, ist der Bau einer herrlichen Kirche (der sog. Verjährungskirche). Mit unermüdlichem Eifer und großem Verständnis hat er sich diesem Werke hingegeben. Umso tragischer ist es, daß er selbst nur kurze Zeit in dem Hause, das er dem Herrn gebaut, wirken konnte, indem eine Krankheit ihn schon mehrere Jahre von seiner Pfarrei fernhielt und ihn veranlaßte, um seine Pensionierung einzugeben. Unter Würdigung seiner großen Verdienste um Pfarrei und Gemeinde (auch ein neues prächtiges Schulhaus wurde unter ihm erbaut) haben ihn die bürgerlichen Kollegien zum Ehrenbürger der Gemeinde Oberkochen ernannt.

Neben innigem Danke für alles Gute bringen ihm seine ehemaligen Pfarrkinder die besten Wünsche für seine Gesundheit dar. In der genannten Kirche wurde im Verlauf des Sommers durch Bildhauer Kaiser (Iggingen) die beiden Nebenaltäre erstellt. Sie sind reich in Gold gefaßt, stilgerecht gehalten, etwas modernisiert und stellen so einen schönen Schmuck der Kirche dar. Besonders hat auch ein Altarbild (der hl. Antonius sitzend dargestellt) das bei der Generalversammlung des Diözesankunstvereins in Gmünd ausgestellt war, Lob und Anerkennung von Autoritäten in diesem Fach erfahren.«

Offiziell war Pfarrer Bucher wegen eines chronischen Lungen- und Brustleidens genötigt gewesen, um die Versetzung in den Ruhestand zu bitten. Einem Schreiben des Bischöflichen Ordinariats vom 28.5.1909 ist zu entnehmen, daß Pfarrer Bucher am 1.2.1870 in Weissenau geboren, am 17.7.1894 in Rottenburg ordiniert, ab dem 3.8.1894 als Vikar in Söflingen eingestellt und ab dem 20.11.1901 in Oberkochen Inhaber der Pfarrstelle wurde. Ab dem 15.9.1903 war er, krankheitsbedingt, ununterbrochen von seiner Pfarrstelle abwesend und dann als Kaplanverweser auf der »entbehrlichen Kaplaneistelle«. in Neutann. Seine Pensionierung wurde auf den 1.10.1909 verfügt. Einem vom Canisiushaus in Schwäbisch Gmünd, der im kt. Kirchenarchiv aufbewahrt wird, ist zu entnehmen, daß Pfarrer Bucher ab 1919 im Canisiushaus in Schwäbisch Gmünd wohnte. Trotz seines Leidens verstarb Pfarrer Bucher erst im 80. Lebensjahr, das das 56. Jahr seines Priestertums war. Immer hinfälliger geworden und daraufhin angesprochen, sagte er vor seinem Tod: »Schon wieder ein paar Pfund weniger, - dann fliege ich leichter in den Himmel«. Auch an anderer Stelle wird sein Humor erwähnt.

Unser Foto oben zeigt Pfarrer Bucher i.R. vermutlich im Jahre 1934, also 64-jährig, anläßlich seines 40-jährigen Priesterjubiläums.

Die lithographische Ansichtskarte »Gruß aus Oberkochen« ist kurz nach 1900 entstanden, vom Postamt Oberkochen im Jahre 1907 abgestempelt. Das Original stammt aus dem Besitz unseres Mitglieds Dr. Frank Köster. Die Postkarte wurde seinerzeit bei Albert Forner, Oberkochen, verlegt und gedruckt. Im Kreis ist das neue katholische Schulgebäude, wegen der roten Backsteine »Fuchsbau« genannt, im Jahre 1900 errichtet, und unter der Ortsansicht der ebenfalls unter Pfarrer Bucher (von 1898 bis 1900) errichtete Neubau der katholischen Kirche abgebildet. Um die gewaltige Verantwortung zu ermessen, die auf Pfarrer Bucher lag, ist es notwendig, die Leistung im Verhältnis zu der damals unter 1000 Seelen zählenden katholischen Pfarrgemeinde zu sehen. Lt. Mitteilung des Diözesanarchivs des Bischöflichen Ordinariats der Diözese Rottenburg zählte die katholische Kirchengemeinde im Jahre 1905 ganze 913 Seelen, (bei 229 Protestanten, die sich, so ist überliefert, auch an dem Riesenprojekt beteiligten.)

Man könnte nun Überlegungen anstellen, wie es kam, daß gleich 2 katholische Pfarrer, die hochoffiziell die Ehrenbürgerrechte ihrer bürgerlichen Heimatgemeinde verliehen erhalten hatten, »vergessen« wurden. War die Ehrenbürgerwürde früher im Bewußtsein der Bürger geringer eingeschätzt als heute?

War es ganz einfach die lange Zeit, die sie vergessen machte, - hat irgend jemand vielleicht einmal 2 Fotografien im Rathaus abgehängt, weil man nicht mehr wußte, wer die abgebildeten Personen waren, oder hat möglicherweise die finstere Macht des 1000-jährigen Reichs die beiden Pfarrer »hinweggewußt«? Wie kommt es, darf weiter gefragt werden, daß, als am 6.11.1953 mit Fabrikant Josef Schmid der erste Ehrenbürger nach dem 2. Weltkrieg ernannt wurde, sich überhaupt niemand mehr daran erinnerte, daß es in Oberkochen schon einmal Ehrenbürger gegeben hatte?

Pfarrer Bucher war erst 4 Jahre zuvor gestorben. Hängt es auch damit zusammen, daß man in Oberkochen nach dem 2. Weltkrieg gewiß andere Sorgen hatte, als nach eventuell vergessenen oder »vergessenen« Ehrenbürgern zu forschen?

Fest steht, daß wir sie jetzt wiedergefunden haben. Oberkochen hat nunmehr 7 Ehrenbürger - und keiner von ihnen lebt mehr. Wer kennt sie noch mit Namen ... ?

Dietrich Bantel

Ergänzung zu Bericht
Pfarrer Bucher - Ehrenbürger

Wir wurden darauf aufmerksam gemacht, daß es wohl nicht zutreffen könne, daß Pfarrer Bucher erst ab dem 20. November 1901 Pfarrer in Oberkochen war, da er ja für seine Tätigkeit ab 1897 zum Ehrenbürger ernannt wurde. Wir möchten etwas ausführlicher auf diese Frage eingehen, da hier offenbar auf ein im Jahre 1977 anläßlich des 150-jährigen Jubiläums des Katholischen Kirchenchors veröffentliches falsches Datum Bezug genommen wird.

Die Verfasser der damals herausgegebenen Festschrift haben auf Seite 47 die Pfarrer der Katholischen Kirchengemeinde ab 1803 aufgelistet. Der spätere Ehrenbürger Bucher wird hier fälschlicherweise mit Datum »ab 21.11.1897«; als »Pfarrer« geführt. Nach den uns zur Verfügung stehenden Unterlagen ist Emil Bucher jedoch ab dem 21.11.1897 in Oberkochen »Pfarrverweser« gewesen und hat als solcher den Kirchenneubau und den Schulhausneubau durchgezogen. Pfarrer in Oberkochen wurde Emil Bucher, wie von uns angegeben, tatsächlich erst am 20.11.1901. Pfarrer Bucher schreibt in seinem Versetzungsgesuch vom 6.3.1906, daß er »auf letzterem Posten (Oberkochen) sich infolge Überanstrengung ein chronisches Lungenleiden zugezogen habe, welches ihn daran hindere, in absehbarer Zeit seine Pfarrei Oberkochen zu übernehmen, und ihn nötige, sich um eine leichte Pfarrdienststelle in gesunder, milder Gegend zu bewerben«. Diesem Gesuch wurde, wie von uns berichtet, entsprochen.

Pfarrer Bucher war bereits ab dein 9.2.1902 nicht mehr einsatzfähig, da mit diesem Datum in der Pfarrerliste ein Vikar Ernst genannt ist. Gefolgt von Vikar Haag ab dem 25.12.1902, Pfarrverweser Kern ab dem 19.9.1903, Pfarrverweser Härle ab dem 19.8.1905, und dem Pfarrverweser Bayer ab dem 16.5.1909. Erst mit Pfarrer Heilig ab dem 3.4.1910 kam wieder Ruhe in die Gemeinde. Pfarrer Heilig hatte die Pfarrstelle fast 15 Jahre lang inne.

Dietrich Bantel

 
 
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