Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 120
 

Zum »Tag der Einheit« am 3. Oktober 1990

»Ein Vaterland für alle Deutschen« war 1963 ein Wunsch, dessen Erfüllung damals Utopie war. Dennoch war dieser Satz am 17. Juni 1963 auf einem Spruchband über dem Eingang zum Mittelbau der Dreißentalschule zu lesen, wie die Aufnahme von Robert Wolff zeigt.

Seit dem Aufstand in Ost-Berlin und anderen Städten Mitteldeutschlands waren 1963 genau 10 Jahre ins Land gegangen und der Mauerbau im Jahre 1961 hatte zur Verschärfung der Situation ein übriges getan. »Trotz der Aussichtslosigkeit des Augenblicks dürfen wir nicht mutlos werden. Es ist notwendig, die kleinen und kleinsten Schritte auf das Ziel der Wiedervereinigung in Freiheit hin zu wagen und zu tun«, so drückte sich Bürgermeister Bosch damals in seiner Einladung zur Feierstunde am 17. Juni 1963 aus.

Die Feier auf dem Dreißentalhof wurde vom Chor des Sängerbunds und durch die Stadtkapelle musikalisch gestaltet; ein Schüler des Gymnasiums rezitierte von Dietrich Bonhoeffer »Stationen auf dem Weg zur Freiheit«. Für die Ansprache hatte, wie das Bild zeigt, Alt-Ministerpräsident Dr. Reinhold Maier gewonnen werden können.

1945 waren von den Besatzungsmächten die früheren Länder Württemberg und Baden in drei neue Länder aufgeteilt worden: »Württemberg - Baden« in der amerikanischen Zone und in der französischen Zone »Württemberg - Hohenzollern« und (Süd-) »Baden«. Mit Dr. Reinhold Maier, dem Ministerpräsidenten von Württemberg-Baden, als treibende Kraft, wurde 1948 in Karlsruhe ein »Staatsvertrag« geschlossen - (dieser Begriff begegnet uns auch 1990 häufig), - der die Vereinigung der drei Länder zum »Südweststaat« herbeiführen sollte. Da aber der Südbadener Leo Wohleb diesen Vertrag nicht unterzeichnete, zogen sich Volksabstimmungen und Verhandlungen mehrere Jahre hin. Erst 1952 konnte das neue Land »Baden-Württemberg« mit Reinhold Maier als erstem Ministerpräsidenten gebildet werden. Als aufrechter Demokrat, exzellenter Kenner der politischen Szene jener Zeit und Experte in Vereinigungsfragen war der Alt-Ministerpräsident für ein Wort zum 17. Juni geradezu prädestiniert, - und er hielt auch »eine vielbeachtete Rede« (BuG).
Unser Foto zeigt ihn dabei.

Bei genauer Betrachtung des Bildes fällt, knapp über dem fahnengeschmückten Rednerpult sichtbar, die Uhrenkette von Reinhold Maier auf. Wie Herbert Schneider im Buch »Die Geschichte Baden-Württembergs« berichtet, spielte die zur Kette gehörende Uhr bei der Gründung des neuen Bundeslandes eine Rolle: »Kurz nachdem am 25.4.1952 der langjährige Regierungschef von Württemberg-Baden Reinhold Maier gegen die Stimmen der stärksten Landtagsfraktion zum ersten Ministerpräsidenten gewählt worden war und seine Regierung vorgestellt hatte, holte er seine altväterliche Uhr aus der Westentasche und verkündete um 12.30 Uhr:

»Mit dieser Erklärung sind die Länder Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern zu einem Bundesland vereinigt. Meine Frauen und Männer! Gott schütze das neue Bundesland«. »Seine Erklärung ging in Rufen sich überrumpelt fühlender Abgeordneter und im stürmischen Beifallsklatschen der Regierungsfraktionen unter.« Diese Szene hatte sich im Behelfsgebäude des Landtags in der Stuttgarter Heusteigstraße zugetragen. Der »Fuchs vom Remstal«, wie man Reinhold Maier manchmal nannte, hatte seine Konkurrenten wieder einmal ausgespielt.

Die Ostalb, insbesondere auch der Volkmarsberg, auf den ihn Bürgermeister Bosch zu einem Spaziergang begleitete, war ihm gut bekannt. Schon am 3. Oktober 1920 - also genau 70 Jahre vor »unserem« 3. Oktober 1990 - hatte er als junger Rechtsanwalt in Aalen einen Vortrag über die Auswirkungen des damals aktuellen »Reichnotopfergesetzes« gehalten, Reinhold Maier, der von 1889 bis 1971 lebte, fand seine letzte Ruhestätte auf dem alten Friedhof seiner Geburtsstadt Schorndorf.

In unseren Tagen, da nun »das eine Vaterland« Wirklichkeit geworden ist und der 17. Juni durch den 3. Oktober als echtem »Tag der Einheit« abgelöst wird, mag die heutige Rückerinnerung an jenen »kleinsten Schritt« in Form einer Gedenkstunde auf dem Hof der Dreißentalschule erlaubt und auch notwendig sein. Notwendig nicht zuletzt, damit die uns wiedergeschenkte staatliche und politische Einheit erfüllt und gestaltet werde durch menschliches Miteinander und Füreinander. Dies wird aber nur gelingen, wenn auch weiterhin »viele Leute an vielen Orten viele kleine Schritte« wagen und tun.

Volkmar Schrenk

 
 
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