Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 113
 

Das »Böllerhäusle«

Sicher erinnert sich noch manche Oberkochenerin und mancher Oberkochener daran, daß früher in aller Frühe zum Kinderfest mächtig »geböllert« wurde. Das bedeutete den eigentlichen Beginn des Festes.

Anläßlich des diesjährigen Kinderfestes, das Teil des Stadtfestes geworden ist, haben wir uns bemüht, Informationen zu dieser alten Tradition zusammenzutragen.

Von Herrn Albert Holz erhielten wir eine fotografische Kostbarkeit: Eine Aufnahme vom sogenannten »Böllerhäusle«, das etwa ein halbes Jahrhundert hoch über Oberkochen am Waldrand der Rodhalde unterhalb des Rodsteins stand. Das Foto stammt, dem guten Erhaltungsgrad des Böllerhäusles nach zu schließen, aus der Zeit vor dem 2. oder während des 2. Weltkriegs; es zeigt den langjährigen Böllermeister Andreas Blümle (Bleamle).

Errichtet wurde das Böllerhäusle als Blockhaus irgendwann nach dem 1. Weltkrieg, wohl in den Zwanzigerjahren, vom damaligen Militärverein, - und geschossen wurde zu privaten Anlässen, auch Taufen und anderen festlichen Ereignissen. Böllergenehmigung hatte auch die katholische Kirchengemeinde, die zu Fronleichnam böllern ließ.

Geböllert wurde, so erinnern sich Altoberkochener, schon ehe es ein Böllerhäusle gab. Damals benutzte man ein 2 bis 3 Meter langes Rohr, das sich am Ende trichterförmig auf 60 bis 80 cm aufweitete. Das Rohr war am Anfang geschlossen, und lediglich mit einer dünnen Bohrung für die Zündung versehen. Es war schon immer eine große Kunst, das Rohr sachgemäß zu stopfen. Noch weiter zurück, - das muß schon im letzten Jahrhundert gewesen sein, - wurde mit Kanonen geschossen.

Über Jahrzehnte, unterbrochen durch die Zeit nach dem 2. Weltkrieg, wo das Böllern streng verboten war, war Böllermeister der »alte Lenze«, Vater des legendären Karl Lenze, der am 28.2.1933 Deutscher Meister im 50 km-Langlauf wurde. Als der strahlende Sieger in Oberkochen eintraf, böllerte sein Vater natürlich mit besonders großer Begeisterung für seinen Sohn und ganz Oberkochen.

Lenze sen. hatte immer 2 - 3 junge Buben dabei, die beim Stopfen der Böller halfen. Einer von ihnen erinnert sich noch genau, wie das damals war vor über 60 Jahren: Die Böllerkanonen wurden im Böllerhäusle aufbewahrt und zum Böllern natürlich im Freien aufgebaut, - ein dickes eisernes Rohr mit einer ca. 4 cm weiten Bohrung als Sackloch und einer dünnen Zündbohrung zum Sackende. In das Rohr wurde von vorne Schwarzpulver und eine Mischung aus Steinen und Ziegelbruch gestopft, - obenhin ein leicht entzündliches Streupulver. Gezündet wurde vermittelst einer ca. 3 Meter langen Holzstange, an deren Ende ein Eisendraht befestigt war, den man zum Glühen brachte und aus dieser beachtlich großen Nähe in das Zündloch »einfädelte«. Zum Stopfen bis zum neuen Schuß benötigte man 3 bis 4 Minuten. Einmal wurde an Fronleichnam ein Dreischußböller aus Wasseralfingen ausgeliehen, weil nur so die exakte schnelle Schußabfolge, die für die Prozession erforderlich war, erreicht und garantiert werden konnte. - Die Steinsplitter sind einmal bis runter zur Post geflogen und haben dort ein Fenster zertrümmert. Das war beim Turnfest der DJK (Deutsche Jugendkraft, - eine katholische Jugendgruppe vor der Zeit des Dritten Reichs). Besonders laut waren Böller aus Holz, um die Eisenringe gelegt waren.

Einige Jahre nach dem 2. Weltkrieg wurde nochmal mit dem Böllern begonnen. Böllermeister war wieder der »Bleamle«. Franz Wingert hatte, - das war inzwischen Vorschrift geworden, - die Sprengmeisterprüfung abgelegt und besorgte das Pulver.

Das Böllerhäusle war zu diesem Zeitpunkt schon stark vom Zahn der Zeit gezeichnet und zerfiel. Die alten Böller waren von Liebhabern entwendet worden. Die neuen Böller wurden per Traktor zu der traditionsreichen Stelle unter dem Rodstein hinaufgeschafft. Einmal hat es ein Rohr zerrissen, glücklicherweise, ohne daß dabei weiterer Schaden entstand. Bei einer großen Firma, die sich nach dem Krieg in Oberkochen niedergelassen hatte, wurde ein gewaltiges neues Rohr mit einer 5-cm-Bohrung angefertigt, - so ein wenig hinten herum. In einem Punkt war das Böllern inzwischen schon etwas sicherer geworden. Man zündete mit einer etwa 1 Meter langen Zündschnur.

Nachdem sich irgendwo im Land ein Unfall beim Böllern ereignet hatte, hörte das Böllern auf Veranlassung von Bürgermeister Gustav Bosch auf. Auch Pfarrer Forster hatte sich gegen das Böllern gewandt. Das war ungefähr 1964.

In den Achtzigerjahren erhielt der Schützenverein wieder eine Böllergenehmigung. Er verwendet eine Böllerkanone. (Trifft nicht zu)

An der Stelle des in den Sechzigerjahren abgetragenen Böllerhäusles, das inzwischen völlig zerstört war, errichteten Oberkochener Bürger im Jahr 1987 unter Verwendung der noch vorhandenen Kalksteingrundmauern des alten Böllerhäusles die Josephskapelle.

Herzlichen Dank an die Herren Albert Holz, Hans Minder, Franz Wingert und Bruno Balle für die Informationen, denen wir diesen Bericht verdanken.

Dietrich Bantel

 
 
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