Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 104
 

»Kranzes, Kipfes, Braotes, Soßes -
die Besonderheiten der Oberkochener Sprache«

Im Oberkochener Sprachenstreit um den Gebrauch von »Soßes« und »Soß« scheinen sich die Fronten merklich zu verhärten. Zur Klärung der widerstreitenden Ansichten ist daher die vorliegende linguistisch-sprachwissenschaftliche Untersuchung notwendig geworden; nur so ist es möglich, lediglich auf Erinnerungen basierende Vermutungen durch exakt ermittelte wissenschaftliche Kenntnisse zu substituieren.

Um den gesamtsprachlichen Kontext auszuleuchten, sollen im folgenden jene drei Sprachphänomene analysiert werden, die dem Oberkochener Schwäbisch einen herausragenden Platz im gesamtschwäbischen Sprachengefüge sichern. 1)

Zunächst die phonetische Dimension: Sie kommt im Diphtong »ao« bemerkenswert deutlich zum Ausdruck, etwa in »nao« oder »dao«. - »Ond nao gascht dao nei.« - (Und dann gehst Du da hinein), um ein Beispiel anzuführen. Dieser eigentümliche, stark an das Portugiesische erinnernde Doppellaut ist so diffizil in Anwendung und Aussprache, daß er von Hereingeschmeckten auf keinen Fall verwendet werden sollte.

Der Differenzierungsgrad, ein weiteres Kriterium hoch-entwickelter Sprachformen, wird im Oberkochenerischen in Sonderheit durch die Tatsache evident, daß ein einziger, überwiegend formelhaft gebrauchter Satz allein durch wechselnde Betonung nicht weniger als drei Abstufungen der Verneinung ermöglicht:

a. »Séll gátt édda.« (Bedingte Verneinung)
b. »Séll gátt édda.« (Einfache Verneinung)
c. »Séll gátt édda.« (Absolute Verneinung) 2)

Das eigentliche Spezifikum der Oberkochener Sprache ist indes zweifellos eine Gruppe von Mengen-, bzw. Gattungsbegriffen mit der enigmatischen Endung »-es«, z.B. in Kranz-»es«.

Nun gibt es über die Entstehung dieser »-es«-Begriffe verschiedene, sich zum widerstreitende Theorien, deren Divergenz auch durch ein Symposium renommierter europäischer Sprachwissenschaftler im linguistischen Institut an der Universität München nicht überbrückt werden konnte, nicht zuletzt deshalb, weil dieses bisher bedauerlicherweise noch nicht stattfinden konnte.

Es fragt sich, ob man Prof. Dr. H. Panteleit 3) soweit folgen sollte, in der »-es«-Endung eine Abart des französischen Teilungsartikels zu sehen. Die Argumente Panteleits sind jedoch nicht einfach von der Hand zu weisen: Zum einen ist es durchaus denkbar, daß durchziehende französische Truppen, neben anderem, auch einmal eine grammatikalische Form zurückließen. überzeugender jedoch ist allerdings der Hinweis, daß das »Kranzes« früher in Oberkochen niemals als einzelnes in Erscheinung trat, gab es doch hergebrachte und verbindliche Termine für das Backen von »Kranzes«. Kam das Backwerk also in einem Hause auf den Tisch, erschien es stets als Teil des in diesem Augenblick im Dorf existenten Gesamt-»Kranzes«.

Die Theorie eines französischen Linguisten 4), »Kranzes« sei nichts anderes als eine Sonderform des Genitivs, bei der wegen der terminierenden Buchstabens »z« das Genitivs nur durch die Zwischenschaltung einer Art Wohlklangs-»e« anfügbar ist, sollte - so bestechend sie auch zunächst erscheinen mag - indes nicht weiter verfolgt werden, da sie schon bei zwar artverwandten, doch geschmacklich und visuell deutlich zu unterscheidenden »Kipfes« nicht mehr in Anwendung zu bringen ist. 5)

Eine hermeneutische Vorbildung wäre für das Verstehen der dritten »-es«-Theorie durchaus hilfreich, reicht diese doch über semantisch fundierte Erklärungsversuche weit hinaus.

Auffällig ist, daß die fraglichen »es«-Endungen bisher nur in eher lustbetonten, ja überhöhenden Bezügen erschienen, beim »Kranzes« in besonders ausgeprägter Form: Durch dieses erfuhr der Sonntag schon beim Frühstück eine erste, hohe Würde.

Um eine sich aufdrängende Erkenntnis vorwegzunehmen: Die »-es«-Endung bei »Kranzes« und »Kipfes« erscheint hier als sprachliches Symbol für die Sublimierung simpler Materie.

Doch gilt dies auch für das eigentliche Rätsel der Oberkochener Sprache, für das oder die »Soßes«? 6)

Vollends unangreifbar wird die Sublimierungstheorie durch die überragende Rolle, die das oder der »Braotes« im Hinblick auf das schwäbische Sonntagsessen seinerzeit spielte, die jedoch an Bedeutung von der »Soßes« bei weitem übertroffen wird. Ihre absolute Priorität gegenüber dem »Braotes« wird schon durch die in verschiedenen Fragenzyklen eruierte Herstellungsweise 7) evident, die den essentiellen Charakter der »Soßes« verstärkt, dem Fleisch selbst jedoch eine eher untergeordnete Rolle zuweist. Nicht zuletzt dieses essentiellen Charakters wegen ist die »Soßes« geeignet, in katalysatorischer, ja spiritueller Weise das (den) »Braotes« mit seinen obligatorischen Beigaben »Grombirasalat« (Kartoffelsalat) und Spätzle - in besonders soßesbewußten Familien auch mit dem »Grünen Salat« - zu einem unauflöslichen Kunstwerk zu verbinden, das, fehlte auch nur eines seiner Teile, als solches nicht mehr angesehen werden könnte. 8)

Was nun den Sprachenstreit »Soßes« - »Soß« anbelangt, kann unvoreingenommen festgestellt werden:

Es kann immer nur »Soßes« geheißen haben, denn eine einfache »Soß« ohne die sublimierende Wirkung der »es«-Endung wäre allenfalls fähig, die Ingredienzien zu nässen, niemals aber, sie zu vergeistigen und auf jene mystifizierende Weise in das zu transponieren, was das wahre schwäbische Sonntagsessen Oberkochener Provenienz erst zu einem solchen macht.

»Soß« mag jedoch, dies sei abschließend vermerkt (wenn auch nicht nachgewiesen), als volkstümliche Verballhornung des allein und grundsätzlich gültigen »Soßes« durchgehen.

Rudolf Heitele

1) Es ist ein gravierender Mangel des berühmten 5-bändigen Sprachwerks von H. Fischer Stadtbibliothek!), daß in seinen ethymologischen Deduktionen das Oberkochener Idiom keinerlei Erwähnung findet.
(Herrmann Fischer, Schwäbisches Wörterbuch, Verlag der Laupp'schen Buchhandlung, 1904)

2) Eine weitere Differenzierung durch Wechsel der Tonhöhe infolge gradueller Intensivierung der Obertöne reicht, was die Vielfalt anbelangt, an das Kanton-Chinesisch heran und muß daher einer gesonderten Untersuchung vorbehalten bleiben, evtl. in Form einer Dissertation für Sinologen.

3) In »Enigmatismen heterogener Sprachform der Ostalb«, Nitex-Verlag 1986, a.a.O. S. 291 ff.

4) Vgl. Jean-Jacques Delavoix: »Le phänomänalisme du Souabe jurassique«, Jamis, 1983, a.a.O. S. 32 ff.

5) Unerklärlich, warum der brillante Analytiker Delavoix diesen doch naheliegenden Zusammenhang nicht erkennen will!

6) Eindeutige ethymologische Untersuchungen weisen eindeutig auf die Femininumform hin.

7) Beim »Zammaleida« (authentischer Ausdruck) wurde der »Braotes« gemacht und mit reichlich Wasser auf das Feuer gestellt. Nach der Kirche bestand das Fleisch ausschließlich aus Faser, alles Wesentliche, Immaterielle befand sich in der »Soßes«.

8) Vgl. die schlechthin gültige Definition des Kunstwerks in Jacob Burckhardt. »Die Kunst der Renaissance«.

 
 
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